In der zeitgenössischen Literatur behaupten sich die
Werke Durs Grünbeins als letzte Refugien poetischer Sprachschöpfung.
Freilich nagt auch an diesen bildgewaltigen Monumenten unbeugsamen
Stilbewusstseins mitunter der Zahn der Beliebigkeit. Allerdings
dürfen dem mittlerweile 41jährigen Büchner-Preisträger
überflüssige Feststellungen wie diejenige, dass es sich
bei der Welt um „ein weites Feld ... von Gut und Böse
gleich bestellt“ handelt, ebenso nachgesehen werden wie die
verhältnismäßig zahlreichen und nicht besonders
überzeugenden Anlehnungen an eine barocke vanitas-Seligkeit:
„Die Wette gilt – der nächste Tag zertritt wie
Gras
Die heile Welt von gestern, die das Kindchen wiegt.
Was einmal jung war und begehrt, wird schließlich Aas.
Träg ist der Leib, Not macht erfinderisch. Der Krieg
Tritt rasch ins Haus – so ungebeten wie die Pest.
Das Epos Leben zehrt davon, dass keiner sich recht freut.“
Denn das Umfeld, in dem sich diese Zeilen tummeln, ist ebenso
außergewöhnlich wie schwergewichtig. Grünbein
zeichnet in einer auf 42 Cantos verteilten Eloge die Gedanken-
und Gefühlswelt des Philosophen René Descartes nach.
Die Geburtsstunde des Rationalismus erscheint in Grünbeins
Versen allerdings nicht als intellektueller Gewaltakt, sondern
viel eher als zwielichtige Initialzündung, die in der changierenden
Beleuchtung einer symbolisch aufgeladenen Eis- und Schneelandschaft
immer wieder auf die Grenze der Selbsterkenntnis trifft. Die Sogwirkung
der virtuosen Sprachbehandlung, die den Leser ohne Reibungsverlust
in die Erlebniszusammenhänge des 17. Jahrhunderts zerrt,
grenzt dabei einmal mehr ans Phantastische.
Dass Grünbein den Begriff „Anspruch“ nicht als
Vorverurteilung begreift, unterscheidet ihn sicher von der großen
Mehrheit potenzieller Leser; aber es verbindet den Dichter auch
mit seinem Helden Descartes, der sich in der dunklen Einsamkeit
seiner instabilen Ratio offenbar durchaus wohl fühlt:
„Was soll mir Außenwelt? Hier geht’s um Innenschau.“
Durs Grünbein:
Vom Schnee oder Descartes in Deutschland, Suhrkamp, 19,90 €
